Hausarztmodell

Notwendige Reformen

Gespräch mit Hausarzt

Wir fordern:

Hausarztmodell bzw. Vertrauensarztmodell

Bindung an den Hausarzt/Vertrauensarzt und verpflichtender Einstieg

Über den Hausarzt/Vertrauensarzt ins System

Lotsen- und Koordinationsfunktion

Für Arzt UND Patient freiwillig, aber mit Bonus bzw. Malus

 

St. Pölten (OTS) - „Hausarztmodell bedeutet bei weitem nicht nur, dass es Hausärzte im Gesundheitssystem gibt“, erläutert die Allgemeinmedizinerin und Landtagsabgeordnete Dr. Gabriele Von Gimborn (BürgerLandtag). „Hausarztmodell bedeutet, dass die Hausärzte eine zentrale Rolle bei der Primärversorgung spielen, dass der Patient den Weg ins System über seinen frei gewählten Hausarzt nimmt und dass sich der Hausarzt zur Abdeckung bestimmter medizinischer Leistungen wie etwa die Betreuung chronisch kranker Menschen verpflichtet. Für diese Tätigkeit wird der Hausarzt kostendeckend entlohnt, auch wenn er Verantwortungsbereiche übernimmt, die nach bisherigem Verständnis nicht in den Leistungs- und Honorarkatalogen abgebildet sind.“

Um die Funktionsweise eines Hausarztmodells kennenzulernen, haben die Landtagsabgeordneten des Bürgerlandtags eine Studienreise nach Baden-Württemberg durchgeführt, im Rahmen derer auch der Besuch einer Ordination mit Hausarztmodell vorgesehen war. Die Gegend im Bezirk Rottweil am Fuß der Schwäbischen Alb war wie geschaffen für diesen Zweck, da weite Teile Niederösterreichs eine vergleichbare Struktur aufweisen. „Wir konnten an diesen Tagen sicherlich einige Ansätze mitnehmen, die in jedem Gesundheitssystem Sinn machen. Was nicht bedeutet, dass in Deutschland bzw. Baden-Württemberg alles so funktioniert wie es sollte. Aber dort ist man definitiv einige Schritte vor Österreich.“

Die Resultate in Deutschland können sich sehen lassen

In Deutschland hat man laut Dr. Von Gimborn nämlich erkannt, dass es Sinn macht, die medizinische Grundversorgung über niedergelassene Ärzte anzubieten. Und dass es auch Sinn macht, die Patienten so zu steuern. Und dies zeigt sich im freiwilligen Hausarztmodell „Hausarztzentrierte Versorgung“. Dr. Von Gimborn erläutert: Zunächst muss sich einmal der Arzt dieser Versorgungsart auf freiwilliger Basis anschließen. Wenn ein Arzt nun bei diesem Modell mitmacht, haben auch seine Patienten auf freiwilliger Basis die Möglichkeit mitzumachen. In diesem Fall bindet sich der Patient bei freier Wahl seines Hausarztes für eine bestimmte Zeit an seinen Arzt und verpflichtet sich mit Ausnahmen, den Einstieg ins System über diesen Arzt zu wählen. Der Arzt erhält ein kontaktunabhängiges Grundpauschale sowie Pauschalzahlungen plus „Chronikeraufschlag“ plus bestimmte Sonderleistungen als Honorar.“

Die Resultate können sich sehen lassen: „Rund 35 Millionen Euro werden in Baden-Württemberg gespart, und das bei einer Ausweitung des Honorarvolumens für Hausärzte von rund 30 Prozent. Nachweislich rechnet sich das auch medizinisch. Fehl- und Unterversorgung konnten abgebaut werden, gerade bei chronischen und Volkskrankheiten konnten messbare Versorgungsverbesserungen erreicht werden. Und quasi als Nebeneffekt wird die Attraktivität der Ordinationen bzw. des Berufsbild Allgemeinmediziner gesteigert“, so Dr. Von Gimborn weiter. In Baden-Württemberg weiß man, dass Ordinationen ohne Hausarztmodell kaum noch Nachfolger finden.

Wenn Land, Kammer und Kasse wollen, dann brauchen wir für das Hausarztmodell nicht einmal eine Gesetzesänderung
„Wir brauchen in Niederösterreich jedenfalls dringend ein Hausarztmodell. Durch die duale Finanzierung und den politischen Unwillen im Land wird das allerdings sehr schwer, denn jede strukturbedingte Einsparung für die Kassen führt zu einer Kostensteigerung bei den Landeskliniken und umgekehrt“, so die Einschätzung von Dr. Von Gimborn. „Ein Hausarztmodell – unter den bestehenden Bedingungen flächendeckend eingeführt – würde die Kassenkosten explodieren lassen, jedoch die Gesundheitskosten in Summe senken. Dieser Groteske müssen wir entgegenwirken, am besten mit der Finanzierung aus einer Hand. Ich bin jedoch überzeugt, dass man auch im Rahmen der bestehenden Gesetzeslage Wege finden kann, so ein Modell umzusetzen. Wenn sich Kasse und Kammer einig wären, könnte man sicher auch das Land überzeugen. Unser gesundheitspolitischer Weg wird ganz klar in diese Richtung gehen“, so ihr Resümee.

Eine weitere Station der Reise war die Modellregion „Gesundes Kinzigtal“, die als internationales Vorzeigemodell für so genannte „integrierte Versorgung“ gilt. „Integrierte Versorgung bedeutet, dass alle „Gesundheitsdienstleister“ mit dem Fokus auf den Patienten zusammenspielen“, erläutert MR Dr. Herbert Machacek, ebenfalls Abgeordneter im Landtag (BürgerLandtag) und Allgemeinmediziner. „Im Kinzigtal hat man begriffen, dass es sowohl menschenfreundlicher als auch kostengünstiger ist, wenn man beispielsweise „Hochkostenpatienten“ mit Vernunft durch das System führt anstatt den Behandlungsweg dem Zufall zu überlassen.“

Mediziner dürfen nicht bestraft werden, wenn sie zu Kostenentlastung beitragen

Dr. Machacek nennt ein Beispiel: „„Gut beraten“ ist ein bemerkenswertes individuell gestaltbares Beratungs- und Unterstützungsprogramm für Menschen, die sich in einer überfordernden gesundheitlichen Situation befinden. Dieses Programm optimiert das Schnittstellenmanagement unter Zusammenarbeit mit vielfältigen Beratungseinrichtungen. In Niederösterreich werden zu viele schwierige Patienten immer noch ziel- und planlos im System hin – und hergeschoben, das kann man auch mit Vernunft lösen.“ Das Hausarztmodell stellt aus seiner Sicht eine zwar zeitgemäße, jedoch recht einfach gehaltene Form eines Steuerungsmodells für ambulante medizinische Leistungen dar. „Das Gesunde Kinzigtal geht in Bezug auf Steuerung noch viel weiter und sieht sich selbst als Entwicklungslabor für Vergütungselemente im deutschen Gesundheitssystem.“

Hierbei versucht man laut Dr. Machacek die Frage zu klären, wie man eine Leistungsreduktion erreicht bzw. eine unnötige Leistungsvermehrung verhindert und gleichzeitig den Patientennutzen, den gesellschaftlichen Nutzen und den wirtschaftlichen Nutzen der Leistungserbringer erhält bzw. sogar erhöht. „Man hat in dieser Region begriffen, dass eine gezielte Investition in Gesundheit und optimale Krankenbehandlung am Ende zu einer Kostenreduktion für die Krankenkassen führt.“ Um das auf diese Weise konsequent durchzuziehen, bedarf es aus seiner Sicht zwingend einer finanziellen Gesamtverantwortung. „Jeder Beteiligte muss auch davon profitieren, wenn er ohne die medizinische Qualität zu vernachlässigen Maßnahmen setzt, die zur Kostenentlastung des Systems führen. In Österreich ist gerade das Gegenteil davon der Fall. Medizinische „Leistung“ ist die Triebfeder und wird entlohnt, ganz egal ob sie notwendig oder im schlimmsten Fall sogar kontraproduktiv ist.“

Wirksame Rezepte, auch gegen den Ärztemangel

So wie im kompletten deutschsprachigen Europa macht der strukturelle Ärztemangel auch vor Baden-Württemberg und auch vor dem Kinzigtal nicht halt. „Im Unterschied zu Niederösterreich hat man jedoch schon begriffen, dass man gegen diesen Mangel etwas tun muss und auch etwas tun kann“, erkennt Dr. Machacek. „Im Kinzigtal hat man ein eigenes Förderprogramm für Allgemeinmediziner aufgelegt: Bis zu fünf Jahre strukturierte und zielgerichtete Weiterbildung zum Allgemeinmediziner, Mitwirken in einem patientennahen, international beachteten Integrierten Vollversorgungsprojekt, medizinische und unternehmerische Zusatzqualifikationen, ein Mentor aus den Reihen der niedergelassenen Ärzte, Mitarbeit an neuen Präventions- und Versorgungskonzepten, Studienreisen, die Möglichkeit eines Praktikums bei der AOK Baden-Württemberg, eine durchgängige Vergütung auf Klinikniveau und Unterstützung durch die Gemeinden - von der Wohnungssuche bis zur Kinderbetreuung.“

Mit jeder einzelnen Maßnahme wird dort den Jungärzten signalisiert, dass sie von unschätzbarem Wert für die Gesellschaft sind und dass sie eine berufliche Perspektive haben, die man in eine adäquate Lebensplanung integrieren kann. „Der Allgemeinmediziner im Kinzigtal spürt, dass er gebraucht wird, dass seine Leistung etwas wert ist und dass man ihm dort die Möglichkeit gibt, eine interessante Tätigkeit bis zum Ende des Berufslebens auszuüben. Das wünsche ich mir auch für Niederösterreich, doch dort werden aktuell ganz andere Signale ausgesendet“, so Dr. Machacek abschließend.