Presseartikel

Wirbel um "Patientenlandtag" in NÖ

 

MAG. ANITA GROSS

POLITIK  Über den Verein Patientenlandtag wollen in Niederösterreich zwei im „echten“ Landtag vertretene Ärzte das Gesundheitssystem reformieren. Die Ärztekammer ist „not amused“, sie betont die eigene Arbeit.

Bundesweit gebe es bisher nichts Vergleichbares, so die Initiatoren des am 2. Juni 2016 gegründeten „PatientenLandtag“. Der Verein besteht aus LAbg. Dr. Gabriele Von Gimborn, LAbg. Dr. Herbert Machacek und Michael Dihlmann, ehemaliger langjähriger Pressesprecher der NÖ Ärztekammer, für die er u.a. auch ein Vertrauensarztmodell entwickelt hat. Nun spricht er für den neuen Verein. Es gibt aber noch weitere Verbindungen zur Kammer. Gimborn ist Referentin für Komplementärmedizin, und Machacek ist Mitglied der Voll- & Kurienversammlung und besitzt ein Mandat auf Oppositionsseite. Ein Umstand, auf den die ÄK gegenüber MT gleich als Erstes verweist.

Wünsche der Bevölkerung in den Landtag bringen

Doch zunächst zu den Motiven, die die Vereinsgründer selbst angeben. Der Patientenlandtag wird laut Machacek, Allgemeinmediziner und Facharzt für Geriatrie & Palliativmedizin in Perchtoldsdorf, „Wünsche der Bevölkerung“ bezüglich der medizinischen Versorgung aufgreifen und „in geeigneter Weise den betroffenen Entscheidungsträgern unterbreiten“. Das könnten bei Bedarf durchaus auch Debatten oder Anträge im Landtag sein.

„Wir haben ein umfangreiches, aber schlankes Maßnahmenpaket für die Verbreitung unserer Anliegen in Arbeit“, sagt Gimborn, Allgemeinmedizinerin in Bad Vöslau, „selbstverständlich möchten wir auch Ärzte für unsere Idee gewinnen.“ Denn „mindestens 80 Prozent“ der Patienteninteressen seien auch Ärzteinteressen – und umgekehrt.

Ein Hauptanliegen im auffallend detailliert ausgearbeiteten gesundheitspolitischen Konzept des Vereins* ist die Allgemeinmedizin. „90 Prozent“ aller Behandlungsfälle könnten Allgemeinmediziner durchführen, „doch gerade dieser Teil der Ärzteschaft droht auszusterben, weil die Politik der letzten Jahrzehnte bis heute komplett in die falsche Richtung führt“, urteilt Machacek.

Es brauche daher „eine Reihe von Reformen“: einheitliche, schlanke Leistungskataloge für alle Systemebenen in ganz Österreich, ein Vertrauensarztmodell, Ermöglichung aller Kooperationsformen im Rahmen der Kassenverträge und „v.a. eine kostendeckende Bezahlung verbunden mit dramatischer Bürokratieentschlackung“. Ziel müsse sein, „dass ein freiberuflicher Allgemeinmediziner in seiner eigenen Ordination alle medizinischen Leistungen erbringt, die er gelernt hat und die in einer Ordination möglich sind“. Dann habe man nämlich, so Machacek, der auch Lehrpraxisinhaber ist, den „Best Point of Service“ getroffen. Im Konzept wird auch gefordert, die Lehrpraxis zu finanzieren und darauf zu achten, mehr Allgemeinmediziner auszubilden – da sich durch die neue

Ausbildungsordnung immer weniger Jungmediziner für Allgemeinmedizin entscheiden.

Auf die Frage nach direkt in NÖ umsetzbaren Reformen konkretisiert Gimborn, viele Ansätze für NÖ könnten sogar sofort ohne Gesetzesänderung greifen, „wenn die Entscheidungsträger nur zusammenfinden würden“. Als Beispiel nennt sie die Attraktivierung von Kassenstellen. Hier liege die Verhandlungshoheit bei ÄK und NÖGKK, weshalb sie für den drohenden Ärztemangel „zumindest mitverantwortlich“ seien. Interesse, dies zu ändern, ortet Gimborn nicht: „Die Kasse spart sich nämlich Geld und die Kammer bekommt eine ständig bessere Verhandlungsposition.“

ÄK richtete Arbeitsgruppe ein

„Wir haben in der NÖ Ärztekammer eine Arbeitsgruppe eingerichtet, in der wir gesondert für jeden Fachbereich konkrete Forderungen und Verbesserungen im Leistungskatalog gemeinsam mit jeder Fachgruppe herausgearbeitet haben“, wehrt sich ÄK-Präsident Dr. Christoph Reisner, MSc, gegen die Kritik. Diese „konstruktiven“ Vorschläge würden nun der NÖGKK übergeben, „mit der Forderung, die Leistungskataloge zu überarbeiten“. Reisner erwartet sich noch im Herbst eine Entscheidung.

Die Ursachen dafür, dass Ärzte „Mangelware“ sind, ortet er aber in der falschen Selektion durch den Aufnahmetest zum Medizinstudium, in der zu geringen Zahl an Absolventen und in der Abwanderung dieser. Gerade wegen Letzterer arbeite man ja daran, die Leistungskataloge attraktiver und moderner zu gestalten.

Zur Rolle der Allgemeinmedizin „im Gesundheitskonzept“ erläutert Reisner: Ein Hausarztmodell wurde von der ÖÄK vor längerer Zeit erarbeitet und der Politik bereits präsentiert. Zur Lehrpraxis hält er fest, dass die NÖÄK gegen die neue Ausbildungsordnung gestimmt hat: „Auch haben wir gegen eine Verlängerung des Turnus für Allgemeinmedizin und gegen eine verpflichtende Lehrpraxis gestimmt, solange die Finanzierung nicht geklärt ist. Alle die damals von uns angeführten Kritikpunkte bringen uns jetzt ernste Probleme.“

Ein Punkt stört ihn besonders im TS-Konzept: das dort vorgeschlagene Bonus-Malus-System. Das sei in der Praxis nicht umsetzbar. Wo ziehe man da die Grenze bei Rauchern, übergewichtigen Menschen oder Sportmuffeln? Ein solches System wäre „aus ärztlicher Sicht“ nicht zu verantworten, „eine KRANKENversicherung muss Krankheitsfälle abdecken ohne Wenn und Aber“.

Die NÖGKK konnte aus terminlichen Gründen nicht Stellung nehmen, erinnerte aber an die Tatsache, dass es in NÖ noch nie so viele Kassenplanstellen gegeben habe wie derzeit.

MEDICAL TRIBUNE - Nr.24 - 15. Juni 2016