Pressereise

BERICHT ÜBER PRESSEREISE im CONSILIUM

Hausarztmodell

CONSILIUM 11/16
Dr. Martina Hasenhündl
Kurienobmann-Stellvertreterin der niedergelassenen Ärzte

Hausarztmodell: Sind die Ansätze in Baden-Württemberg auf NÖ übertragbar?
https://cms.arztnoe.at/cms/dokumente/1021231_246014/9ced21ec/ngl-aerztemangel_consilium-1116.pdf

 

Pressereise nach Baden-Württemberg (5. - 6. Oktober 2016)

Thema: Hausarztmodell

Pressereise Baden- Württemberg

Dr. Johannes Fechner (stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, links im Bild) erläuterte der Delegation um die Landtagsabgeordneten Dr. Gabriele Von Gimborn, MPH und MR Dr. Herbert Machacek die Maßnahmen der Kassenärztlichen Vereinigung gegen den Ärztemangel in ländlichen Regionen.

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Der Internist und Hausarzt Marcus Auel erklärte der Delegation die Funktionsweise der Modellregion „Gesundes Kinzigtal“, in der die Funktionsweise des kompletten Gesundheitssystem von einer Betriebsgesellschaft optimiert wird. Die Versorgung der Menschen im Kinzigtal wird dabei nachweislich optimiert, die Ärzte sind zufrieden und das Gesundheitssystem spart sich Geld.

Pressereise Baden-Württemberg

Dr. Jochen Scherler ist Hausarzt am Fuß der Schwäbischen Alb und betreibt das Hausarztmodell der AOK Baden-Württemberg „Hausarztzentrierte Versorgung“. Hierbei gibt es einige Besonderheiten, die für Hausärzte in Niederösterreich durchaus erstrebenswert wären.

Pressereise Baden-Württemberg

Die Delegation lauschte fasziniert den Ausführungen der verschiedenen Bereichsleiter des „Gesunden Kinzigtals“ im Headquarter „Gesundheitswelt“. Janina Stunder ist für die Gesundheitsakademie zuständig.

Pressereise Baden-Württemberg

Auch die Prävention und die Rehabilitation kommen nicht zu kurz. Im Gesunden Kinzigtal wird Gesundheitsversorgung aus einem Guss geboten. Der sportliche Leiter Patrik Bothor stellte das Kurs- und Veranstaltungsprogramm vor.

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In einem vernünftigen Programm zur Optimierung der Integrierten Versorgung werden auch die Krankenhäuser miteinbezogen. Was in Österreich anscheinend nicht möglich ist, wird im Kinzigtal als tägliche Praxis gelebt. Cornelia Buntru erläuterte ihre Sicht als Leiterin eines kleinen Krankenhauses am Rand des Schwarzwalds.

Den Ärztemangel bekämpfen und gleichzeitig die medizinische Versorgung optimieren:

Sind die Ansätze in Baden-Württemberg auf Niederösterreich übertragbar?


Dr. Gabriele Von Gimborn, MPH, Abgeordnete im Landtag (Bürgerlandtag):

„Wir konnten an diesen zwei Tagen sicherlich einige Ansätze mitnehmen, die in jedem Gesundheitssystem Sinn machen. Was nicht bedeutet, dass in Deutschland bzw. Baden-Württemberg alles so funktioniert wie es sollte. Aber dort ist man definitiv einige Schritte vor Österreich.

In Deutschland hat man erkannt, dass es Sinn macht die medizinische Grundversorgung über niedergelassene Ärzte anzubieten. Und dass es auch Sinn macht, die Patienten so zu steuern. Und dies zeigt sich im freiwilligen Hausarztmodell „Hausarztzentrierte Versorgung“.

Zunächst muss sich einmal der Arzt dieser Versorgungsart auf freiwilliger Basis anschließen. Mit der Folge, dass sich sein Aufgabengebiet für bestimmte Patienten ausweitet, er aber ein gesondertes Honorar dafür bezieht. Wenn ein Arzt nun bei diesem Modell mitmacht, haben auch seine Patienten auf freiwilliger Basis die Möglichkeit mitzumachen.

Der Patient bindet sich (bei freier Wahl seines Hausarztes) für eine bestimmte Zeit an seinen Arzt und verpflichtet sich mit Ausnahmen, den Einstieg ins System über diesen Arzt zu wählen. Der Arzt erhält ein kontaktunabhängiges Grundpauschale sowie Pauschalzahlungen plus „Chronikeraufschlag“ plus bestimmte Sonderleistungen als Honorar.

Die Resultate können sich sehen lassen: Rund 35 Millionen Euro werden in Baden-Württemberg gespart, und das bei einer Ausweitung des Honorarvolumens für Hausärzte von rund 30 Prozent. Nachweislich rechnet sich das auch medizinisch. Fehl- und Unterversorgung konnten abgebaut werden, gerade bei chronischen und Volkskrankheiten konnten messbare Versorgungsverbesserungen erreicht werden.

Und quasi als Nebeneffekt wird die Attraktivität der Ordinationen bzw. des Berufsbild Allgemeinmediziner gesteigert. In Baden-Württemberg weiß man, dass Ordinationen ohne Hausarztmodell kaum noch Nachfolger finden. Somit eine Win-Win-Win-Situation?

Natürlich gibt es Bereiche, die durch das Hausarztmodell einen Nachteil haben. Das sind im Wesentlichen die Pharmafirmen, denn ein guter Teil der Ersparnis ergibt sich laut AOK durch eine „rationalere“ Arzneimitteltherapie. Und die vermiedenen Krankenhausausgaben tragen auch in einem ordentlichen Ausmaß zur Ersparnis bei. Und genau bei diesen beiden Positionen wird auch in Österreich viel zu viel Geld ausgegeben, und das auch noch zum medizinischen Nachteil der Patienten.

Wir brauchen in Niederösterreich ein Hausarztmodell. Durch die duale Finanzierung und den politischen Unwillen im Land wird das allerdings sehr schwer, denn jede strukturbedingte Einsparung für die Kassen führt zu einer Kostensteigerung bei den

Landeskliniken. Und umgekehrt. Ein Hausarztmodell – unter den bestehenden Bedingungen flächendeckend eingeführt – würde die Kassenkosten explodieren lassen, jedoch die Gesundheitskosten in Summe senken. Dieser Groteske müssen wir entgegenwirken, am besten mit der Finanzierung aus einer Hand.

Ich bin jedoch überzeugt, dass man auch im Rahmen der bestehenden Gesetzeslage Wege finden kann, so ein Modell umzusetzen. Wenn sich Kasse und Kammer einig wären könnte man sicher auch das Land überzeugen. Unser gesundheitspolitischer Weg wird ganz klar in diese Richtung gehen.“


MR Dr. Herbert Machacek, Abgeordneter im Landtag (Bürgerlandtag):

„Das „Gesunde Kinzigtal“ ist eine beachtenswerte medizinische Region, von der man in Niederösterreich nur lernen kann. Und das in einigen Teilbereichen.

So wie im kompletten deutschsprachigen Europa macht der strukturelle Ärztemangel auch vor Baden-Württemberg und auch vor dem Kinzigtal nicht halt. Im Unterschied zu Niederösterreich hat man jedoch schon begriffen, dass man gegen diesen Mangel etwas tun muss und auch etwas tun kann.

Im Kinzigtal hat man ein eigenes Förderprogramm für Allgemeinmediziner aufgelegt: Bis zu fünf Jahre strukturierte und zielgerichtete Weiterbildung zum Allgemeinmediziner, Mitwirken in einem patientennahen, international beachteten Integrierten Vollversorgungsprojekt, medizinische und unternehmerische Zusatzqualifikationen, ein Mentor aus den Reihen der niedergelassenen Ärzte, Mitarbeit an neuen Präventions- und Versorgungskonzepten, Studienreisen, die Möglichkeit eines Praktikums bei der AOK Baden-Württemberg, eine durchgängige Vergütung auf Klinikniveau und Unterstützung durch die Gemeinden - von der Wohnungssuche bis zur Kinderbetreuung.

Mit jeder einzelnen Maßnahme wird Jungärzten signalisiert, dass sie von unschätzbarem Wert für die Gesellschaft sind und dass sie eine berufliche Perspektive haben, die man in eine adäquate Lebensplanung integrieren kann. Der Allgemeinmediziner im Kinzigtal spürt, dass er gebraucht wird, dass seine Leistung etwas wert ist und dass man ihm dort die Möglichkeit gibt, eine interessante Tätigkeit bis zum Ende des Berufslebens auszuüben. In Niederösterreich sind die Signale aktuell ganz andere.

Im Kinzigtal hat mach auch begriffen, dass es sowohl menschenfreundlicher als auch kostengünstiger ist, wenn man gerade „Hochkostenpatienten“ mit Vernunft durch das System führt anstatt den Behandlungsweg dem Zufall zu überlassen. „Gut beraten“ ist ein bemerkenswertes individuell gestaltbares Beratungs- und Unterstützungsprogramm für Menschen, die sich in einer überfordernden gesundheitlichen Situation befinden. Dieses Programm optimiert das Schnittstellenmanagement unter Zusammenarbeit mit vielfältigen Beratungseinrichtungen. In Niederösterreich werden zu viele schwierige Patienten immer noch ziel- und planlos im System hin – und hergeschoben, das kann man auch mit Vernunft lösen.

Das Hausarztmodell stellt eine zwar zeitgemäße, jedoch recht einfach gehaltene Form eines Steuerungsmodells für ambulante medizinische Leistungen dar. Das Gesunde Kinzigtal geht in Bezug auf Steuerung noch viel weiter und sieht sich selbst als Entwicklungslabor für Vergütungselemente im deutschen Gesundheitssystem. Hierbei versucht man die Frage zu klären, wie man eine Leistungsreduktion erreicht bzw. eine unnötige Leistungsvermehrung verhindert und gleichzeitig den Patientennutzen, den gesellschaftlichen Nutzen und den wirtschaftlichen Nutzen der Leistungserbringer erhält bzw. sogar erhöht.

Dort hat man begriffen, dass eine gezielte Investition in Gesundheit und optimale Krankenbehandlung am Ende zu einer Kostenreduktion für die Krankenkassen führt. Um das auf diese Weise konsequent durchzuziehen, bedarf es zwingend einer finanziellen Gesamtverantwortung. Jeder Beteiligte muss davon profitieren, wenn er ohne die medizinische Qualität zu vernachlässigen Maßnahmen setzt, die zur Kostenentlastung des Systems führen. In Österreich bzw. in allen Regionen abseits des Kinzigtals ist gerade das Gegenteil davon der Fall. Medizinische „Leistung“ ist die Triebfeder und wird entlohnt, ganz egal ob sie notwendig oder im schlimmsten Fall sogar kontraproduktiv ist.

Wir in Niederösterreich können daher auch vom „Gesunden Kinzigtal“ viel lernen. Wobei es eine Utopie darstellt, dieses Modell eins zu eins bei uns zu implementieren. Dazu fehlen jedoch derzeit die Voraussetzungen wie etwa die Finanzierung aus einer Hand.“